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2004.05.05
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Gewaltorgien im Strafvollzug – Wie Brandenburger Beamte Gefängnisinsassen verprügeln

Gewaltorgien im Strafvollzug – 

Wie Brandenburger Beamte Gefängnisinsassen verprügeln

In den Justizvollzugsanstalten der DDR wurden Häftlinge immer wieder von vermummten Schlägertrupps malträtiert. Viele
ehemalige Bedienstete schlugen auch nach der Wende weiter. Klartext gelang es, die Täter zu identifizieren.

Über den Alltag hinter Gittern gibt es viele schaurige Filme. Unser erster Beitrag bietet Stoff für solch einen Thriller, beruht aber leider ganz und gar auf Tatsachen. In der Brandenburger Justizvollzugsanstalt werden Gefangene geschlagen und misshandelt – von Staatsbeamten. Und das hat Tradition: schon zu DDR-Zeiten war das Gefängnis berüchtigt für seine Schlägertrupps. Nach der Wende wurden viele Wärter in den Staatsdienst übernommen – und schlugen weiter zu. Bis heute. Dank der Recherchen unserer Autorin Gabi Probst reagierte jetzt das Ministerium. Endlich!

Justizvollzugsanstalt Brandenburg am 13. Januar gegen 23 Uhr. Der Gefangene von Zelle 76 verlangt nach einem Arzt. Er hat starke Herzschmerzen und ringt nach Luft.

Friedrich Frank, Gefangener JVA Brandenburg
“Ich habe Angst vor, dass ich sterben hier.

Der Russlanddeutsche Friedrich Frank bekommt keinen Arzt. Erst am nächsten Tag wird festgestellt: Frank hatte einen schweren Herzinfarkt. Doch das ist
nicht alles. Was er in dieser Nacht in der Justizvollzugsanstalt erlebt, haben wir wohl bisher nur in Filmen gesehen.

Rückblick:
Friedrich Frank wurde früher schon am Herzen operiert, ist Invalide – das ist in der JVA bekannt. Und trotzdem: Schon am Morgen bekommt er
seine ärztlich verordneten Medikamente nicht. Es geht ihm schon tagsüber schlecht. Am Abend klopft der 53jährige immer wieder, hat
Schmerzen in der Brust, kann seinen linken Arm nicht mehr bewegen. Angst und Panik. Irgendwann kommt dann ein Beamter.

Friedrich Frank, Gefangener JVA Brandenburg

„Kann ich sagen, was hat er gesagt? Der kommt vorbei und fragt mich, was klopft du Arschloch. Ich habe gesagt, ich habe große Schmerzen, Herzschmerzen, rufen Sie bitte den Arzt. Er hat mir keine Antwort gegeben und ist weggelaufen. Ich warte und warte, ich weiß nicht wie viel ich gewartet, habe ich wieder paar Mal geklopft.“

“Und dann, ich weiß nicht wie viel Zeit ist vorbei, kommt Sani und wie viel Beamte, ich weiß nicht und hab mich gefragt, was ist los? Hat mir den Blutdruck gemessen und hat gesagt, Blutdruck ist normal. Ich sagte, holen sie den Arzt, können Sie EKG mir schreiben, mir geht es nicht gut, ich habe große Schmerzen. Ach passiert nichts, morgen acht Uhr früh kommt Arzt und kommen sie weg. Gehen sie weg.“

Friedrich Frank ringt um sein Leben. Was er nicht ahnt ist, dass er doch gehört wird. Vor seiner Zellentür bereiten sich Beamte auf einen Besuch bei
ihm vor. Aber nicht um ihm zu helfen.

Friedrich Frank, Gefangener JVA Brandenburg

Und dann auf einmal, ich liege auf dem Bett, kommen sie rein, ich habe gedacht Arzt ist gekommen, kommen sie die maskierte Leute, zwei hab ich
gesehen, mit dieser Anzug, mit dieser Schilder, mit Knüppel, diesen Gummiknüppel, haben sie mich hier gedrückt, und Fuß. Dann haben sie
mich gerollt. Ich bin gefallen mit dem Gesicht auf den Boden, haben mich weiter gedrückt, sie mich geschlagen mit Gummiknüppel.“

„Sie können doch nicht, wenn ich klopfe bei mir überhaupt , wenn sie haben keinen Grund reinkommen und mich schlagen.“

Sie schleppen den Schwerkranken in die Arrestzelle. Erst am nächsten Vormittag wird er in der Städtischen Klinik medizinisch versorgt, entrinnt gerade so dem Tod, nach einem schweren Herzinfarkt. Er schreibt einen Hilferuf an KLARTEXT. Bei unseren Recherchen treffen wir Frank Dinnebier und seine Familie aus Güstrow. Er hat das Rollkommando – wie es im Knast heißt - 1999 erlebt. An diesem Tag kam er gerade aus dem Krankenhaus, wo er am Ellenbogen operiert wurde. Er hat die Vollnarkose und die Medikamente nicht vertragen. Er wollte einen Arzt und mit seinen Eltern telefonieren. Verweigert. Als er gegen die Tür
tritt, kommen die Beamten.

In die Arrestzelle gebracht, wird er ein zweites Mal verprügelt und getreten..

Matthias Dinnebier, Güstrow

“In der Arrestzelle war ich am Bett festgekettet und wenn ich auf Toilette musste, die Toilette stand ein Stück weiter. Ich musste manchmal in Zahnputzbecher pinkeln und das dann darein zu kippen. Und wenn ich dann Bescheid gesagt habe, so wie den einen Abend dann, dann hat der Fuchs mir dann die Fußfesseln abgenommen und dann sind sie anschließend wieder rein gekommen, weil ich die Dinger genommen dann in die Ecke geschmissen habe und dann sind die gleich wieder, aber da waren sie schon angezogen, das war vorprogrammiert, ging schnell.“

Hanns-Georg Dinnebier, Vater
“Ich habe bald mein eigenes Kind nicht wieder erkannt. Die Stirn zerschlagen, Platzwunden und mit den Handschnitten alles aufgeschnitten und rot, blaue Flecken, grau im Gesicht, also wie eine Leiche.“

Elise Dinnebier, Mutter
“Total zerschalgen und zittrig und es war eine Katastrophe, wir wussten gar nicht, was wir
sagen sollten.“

Ines Jeworrek, Schwester
“Ich habe noch mal in der Justizvollzugsanstalt angerufen, habe dann mit dem Leiter gesprochen und ach, was ich mir denn einbilde, bei ihm würde niemand verprügelt werden, niemand würde misshandelt, dass würde ich mir nur einbilden.“

Schläge als Mittel der Resozialisierung hat auch er erlebt. Sogar drei Mal! Seine Narben erinnern ihn täglich daran. Einmal wollte er nur zum Sport.

Ronald Peters
“Da sind Zeiten festgelegt, zum Beispiel um 15Uhr. Und da kam niemand und da man da keine Klingel hat, habe ich geklopft und da kam jemand und hat gefragt, was los ist. Und da habe ich gesagt, ich möchte zum Sport und da hat der gesagt, ja gleich. Und eine halbe Stunde später kam noch niemand und da habe ich noch mal geklopft und da hieß es wieder gleich und beim dritten Mal kamen dann die maskierten Männer rein."

Die Schläger aus der JVA kennt Peters, er hat sie angezeigt. Aber: Verfahren eingestellt, mangels Zeugen. Auch Matthias Dinnebier hat
angezeigt, ohne Erfolg. Oftmals wurde das Blatt auch umgedreht, dann hieß es in den Akten: Widerstand gegen die Staatsgewalt. Dabei sind die
schlagenden Bediensteten keine unbeschriebenen Blätter. Klartext hat im vergangenen Jahr über Misshandlungen an politischen Häftlingen in der
JVA Brandenburg zu DDR-Zeiten berichtet. Die meisten Schläger sind mit Geldstrafen davon gekommen, haben nur ihre Dienstkleidung gewechselt.
Einige – wie Klaus-Dieter A. - sind nie belangt worden, weil die Gefangenen von damals nur seinen Spitznamen kannten. Und auch nach der
Wende gab es mehrere Ermittlungsverfahren gegen ihn und andere. Eingestellt. Doch darüber reden will er nicht.

Ronald Peters
„Sein Spitzname ist Bauer und Fuchs wird Fuchs genannt.“
„Und Fuchs und Bauer?“
„Ja, sehr bekannt, das ist ein Team. Sie provozieren jeden Streit raus, damit sie zuhauen können, weil sie wissen, das Recht steht auf ihrer Seite,
beziehungsweise der Staat steht hinter ihnen." Im Fall Frank wird gegen Vollzugsbeamte wegen gefährlicher Körperverletzung im Amt und unterlassener Hilfeleistung ermittelt. Der Herzinfarkt ist endlich ein drückender Beweis. Auch im Justizministerium nimmt man die Vorfälle, die Klartext recherchierte
ernst. Seit heute gibt Untersuchungen gegen acht Vollzugsbeamte.

Hans-Georg Kluge, Staatssekretär Justizministerium Brandenburg
"Das führt zu unmittelbaren dienstrechtlichen Konsequenzen , nämlich zu einem Disziplinarverfahren. Ich denk schon in den nächsten Stunden. Wir
werden noch in dieser Woche abschließend darüber entscheiden, ob eine Suspendierung zusätzlich in Einzelfällen ausgesprochen wird."<br>„Wir
arbeiten an umfassenden strukturellen, organisatorischen Maßnahmen, die Fehlentwicklungen, die es ganz offensichtlich in der Vergangenheit
gegeben hat, endgültig auszumerzen."

Friedrich
Frank hätte sterben können. Ein Skandal. Heute früh ist er zu seiner Sicherheit aus der JVA verlegt worden, vorerst in eine Klinik.

Beitrag von Gabi Probst 
Man sollte diesen Beitrag mal vergleichen, mit dem was ich in der JVA Chemnitz "Kassberg" erlebt und berichtet habe. Auch dort hatte ich ein Rollkommando erlebt, das ziemlich grundlos die Zelle eines ausländischen Gefangenen stürmten und diesen misshandelten.

Erlebnisse über eine katastophale Krankenbehandlung hatte ich dann im "Folterknast" Gelsenkirchen und der JVA Castrop-Rauxell. Die von Gabi Probst geschilderten Missstände beziehen sich also keinesfalls nur auf Brandenburg, sondern sind als Standard zu bezeichnen., die leider viel zu selten den Weg in die Presse finden.
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