Über
den Alltag hinter Gittern gibt es viele schaurige Filme. Unser erster
Beitrag bietet Stoff für solch einen Thriller, beruht aber leider ganz
und gar auf Tatsachen. In der Brandenburger Justizvollzugsanstalt
werden Gefangene geschlagen und misshandelt – von Staatsbeamten. Und
das hat Tradition: schon zu DDR-Zeiten
war das Gefängnis berüchtigt für seine Schlägertrupps. Nach der Wende
wurden viele Wärter in den Staatsdienst übernommen – und schlugen weiter zu. Bis heute. Dank der Recherchen unserer Autorin Gabi Probst reagierte jetzt das Ministerium. Endlich!
Justizvollzugsanstalt
Brandenburg am 13. Januar gegen 23 Uhr. Der Gefangene von Zelle 76
verlangt nach einem Arzt. Er hat starke Herzschmerzen und ringt nach
Luft.
Friedrich Frank, Gefangener JVA Brandenburg “Ich habe Angst vor, dass ich sterben hier. Der
Russlanddeutsche Friedrich Frank bekommt keinen Arzt. Erst am nächsten
Tag wird festgestellt: Frank hatte einen schweren Herzinfarkt. Doch das
ist nicht alles. Was er in dieser Nacht in der Justizvollzugsanstalt erlebt, haben wir wohl bisher nur in Filmen gesehen.
Rückblick: Friedrich
Frank wurde früher schon am Herzen operiert, ist Invalide – das ist in
der JVA bekannt. Und trotzdem: Schon am Morgen bekommt er seine
ärztlich verordneten Medikamente nicht. Es geht ihm schon tagsüber
schlecht. Am Abend klopft der 53jährige immer wieder, hat Schmerzen in der Brust, kann seinen linken Arm nicht mehr bewegen. Angst und Panik. Irgendwann kommt dann ein Beamter.
Friedrich Frank, Gefangener JVA Brandenburg
„Kann
ich sagen, was hat er gesagt? Der kommt vorbei und fragt mich, was
klopft du Arschloch. Ich habe gesagt, ich habe große Schmerzen,
Herzschmerzen, rufen Sie bitte
den Arzt. Er hat mir keine Antwort gegeben und ist weggelaufen. Ich
warte und warte, ich weiß nicht wie viel ich gewartet, habe ich wieder
paar Mal geklopft.“
“Und dann, ich weiß nicht wie viel Zeit ist vorbei, kommt Sani und wie viel Beamte, ich weiß nicht und hab mich gefragt, was ist los? Hat mir den Blutdruck gemessen und hat gesagt, Blutdruck ist normal. Ich sagte, holen sie den Arzt, können Sie EKG mir schreiben, mir geht es nicht gut, ich habe große Schmerzen. Ach passiert nichts, morgen acht Uhr früh kommt Arzt und kommen sie weg. Gehen sie weg.“
Friedrich
Frank ringt um sein Leben. Was er nicht ahnt ist, dass er doch gehört
wird. Vor seiner Zellentür bereiten sich Beamte auf einen Besuch bei ihm vor. Aber nicht um ihm zu helfen.
Friedrich Frank, Gefangener JVA Brandenburg
Und
dann auf einmal, ich liege auf dem Bett, kommen sie rein, ich habe
gedacht Arzt ist gekommen, kommen sie die maskierte Leute, zwei hab ich gesehen,
mit dieser Anzug, mit dieser Schilder, mit Knüppel, diesen
Gummiknüppel, haben sie mich hier gedrückt, und Fuß. Dann haben sie mich gerollt. Ich bin gefallen mit dem Gesicht auf den Boden, haben mich weiter gedrückt, sie mich geschlagen mit Gummiknüppel.“
„Sie können doch nicht, wenn ich klopfe bei mir überhaupt , wenn sie haben keinen Grund reinkommen und mich schlagen.“
Sie
schleppen den Schwerkranken in die Arrestzelle. Erst am nächsten
Vormittag wird er in der Städtischen Klinik medizinisch versorgt,
entrinnt gerade so dem Tod, nach einem schweren Herzinfarkt. Er
schreibt einen Hilferuf an KLARTEXT. Bei unseren Recherchen treffen wir
Frank Dinnebier und seine Familie aus Güstrow. Er hat das Rollkommando
– wie es im Knast heißt - 1999 erlebt. An diesem Tag kam er gerade aus
dem Krankenhaus, wo er am Ellenbogen operiert wurde. Er hat die
Vollnarkose und die Medikamente nicht vertragen. Er wollte einen Arzt
und mit seinen Eltern telefonieren. Verweigert. Als er gegen die Tür tritt, kommen die Beamten.
In die Arrestzelle gebracht, wird er ein zweites Mal verprügelt und getreten..
Matthias Dinnebier, Güstrow
“In der Arrestzelle war ich am Bett festgekettet und wenn ich auf Toilette musste, die Toilette stand ein Stück weiter. Ich musste manchmal in Zahnputzbecher pinkeln und das dann darein zu kippen. Und wenn ich dann Bescheid gesagt habe, so wie den einen Abend dann, dann hat der Fuchs mir dann die Fußfesseln abgenommen und dann sind sie anschließend wieder rein gekommen, weil ich die Dinger genommen dann in die Ecke geschmissen habe und dann sind die gleich wieder, aber da waren sie schon angezogen, das war vorprogrammiert, ging schnell.“
Hanns-Georg Dinnebier, Vater “Ich
habe bald mein eigenes Kind nicht wieder erkannt. Die Stirn
zerschlagen, Platzwunden und mit den Handschnitten alles aufgeschnitten
und rot, blaue Flecken, grau im Gesicht, also wie eine Leiche.“
Elise Dinnebier, Mutter “Total zerschalgen und zittrig und es war eine Katastrophe, wir wussten gar nicht, was wir sagen sollten.“
Ines Jeworrek, Schwester “Ich
habe noch mal in der Justizvollzugsanstalt angerufen, habe dann mit dem
Leiter gesprochen und ach, was ich mir denn einbilde, bei ihm würde
niemand verprügelt werden, niemand würde misshandelt, dass würde ich
mir nur einbilden.“
Schläge als Mittel der
Resozialisierung hat auch er erlebt. Sogar drei Mal! Seine Narben
erinnern ihn täglich daran. Einmal wollte er nur zum Sport.
Ronald Peters “Da
sind Zeiten festgelegt, zum Beispiel um 15Uhr. Und da kam niemand und
da man da keine Klingel hat, habe ich geklopft und da kam jemand und
hat gefragt, was los ist. Und da habe ich gesagt, ich möchte zum Sport
und da hat der gesagt, ja gleich. Und eine halbe Stunde später kam noch
niemand und da habe ich noch mal geklopft und da hieß es wieder gleich
und beim dritten Mal kamen dann die maskierten Männer rein."
Die
Schläger aus der JVA kennt Peters, er hat sie angezeigt. Aber:
Verfahren eingestellt, mangels Zeugen. Auch Matthias Dinnebier hat angezeigt,
ohne Erfolg. Oftmals wurde das Blatt auch umgedreht, dann hieß es in
den Akten: Widerstand gegen die Staatsgewalt. Dabei sind die schlagenden
Bediensteten keine unbeschriebenen Blätter. Klartext hat im vergangenen
Jahr über Misshandlungen an politischen Häftlingen in der JVA
Brandenburg zu DDR-Zeiten berichtet. Die meisten Schläger sind mit
Geldstrafen davon gekommen, haben nur ihre Dienstkleidung gewechselt. Einige
– wie Klaus-Dieter A. - sind nie belangt worden, weil die Gefangenen
von damals nur seinen Spitznamen kannten. Und auch nach der Wende gab es mehrere Ermittlungsverfahren gegen ihn und andere. Eingestellt. Doch darüber reden will er nicht.
Ronald Peters „Sein Spitzname ist Bauer und Fuchs wird Fuchs genannt.“ „Und Fuchs und Bauer?“ „Ja,
sehr bekannt, das ist ein Team. Sie provozieren jeden Streit raus,
damit sie zuhauen können, weil sie wissen, das Recht steht auf ihrer
Seite, beziehungsweise der Staat steht hinter ihnen." Im Fall Frank
wird gegen Vollzugsbeamte wegen gefährlicher Körperverletzung im Amt
und unterlassener Hilfeleistung ermittelt. Der Herzinfarkt ist endlich
ein drückender Beweis. Auch im Justizministerium nimmt man die
Vorfälle, die Klartext recherchierte ernst. Seit heute gibt Untersuchungen gegen acht Vollzugsbeamte.
Hans-Georg Kluge, Staatssekretär Justizministerium Brandenburg "Das
führt zu unmittelbaren dienstrechtlichen Konsequenzen , nämlich zu
einem Disziplinarverfahren. Ich denk schon in den nächsten Stunden. Wir werden
noch in dieser Woche abschließend darüber entscheiden, ob eine
Suspendierung zusätzlich in Einzelfällen ausgesprochen
wird."<br>„Wir arbeiten an umfassenden strukturellen,
organisatorischen Maßnahmen, die Fehlentwicklungen, die es ganz
offensichtlich in der Vergangenheit gegeben hat, endgültig auszumerzen."
Friedrich Frank
hätte sterben können. Ein Skandal. Heute früh ist er zu seiner
Sicherheit aus der JVA verlegt worden, vorerst in eine Klinik.
Beitrag von Gabi Probst |