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2004.05.14
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Rubrik Brandenburg
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Die Justizministerin wird zur Getriebenen

Die Justizministerin wird zur Getriebenen

Barbara Richstein lässt sogar Vorwürfe überprüfen, die noch gar nicht erhoben wurden
Andrea Beyerlein

POTSDAM. Diesmal wollte es Justizministerin Barbara Richstein besser machen. Sie informierte schon am Donnerstagmorgen den Rechtsausschuss des Landtages, dass abermals mit Schreckensmeldungen aus der Vollzugsanstalt Brandenburg/Havel zu rechnen sei. Nur mit was für welchen, das konnte die 38-jährige CDU-Politikerin nicht sagen. Möglicherweise gehe es um einen mysteriösen Todesfall. Ungeachtet der Ergebnisse versetzen mittlerweile schon bloße Berichts-Ankündigungen einer RBB-Reporterin zu mutmaßlichen Gefangenenmisshandlungen Justizministerium und Staatsanwaltschaft in Alarmstimmung. Richstein ist zur Getriebenen geworden.

Auch alle Todesfälle in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Brandenburg seit 1995 sollen jetzt noch einmal aufgerollt werden, teilte Richstein dem Rechtsausschuss am Donnerstag mit. 20 an der Zahl. In zwölf Fällen habe es sich um eine natürliche Todesursache gehandelt, acht Mal um Selbstmord. Hinweise auf Fremdverschulden gibt die Aktenlage nicht her. Routinemäßig leitet die Staatsanwaltschaft bei jedem Todesfall in Haft ein Todesermittlungsverfahren ein. Doch von einem verdächtigen Todesfall ist in dem Bericht des ARD-Magazins "Kontraste", der am Abend ausgestrahlt wurde, gar nicht die Rede. Vielmehr wurde nun bundesweit noch einmal ausgestrahlt, wovon die Autorin Gabi Probst vorige Woche schon in dem Magazin "Klartext" im Berlin-Brandenburger Verbreitungsgebiet berichtet hatte: Dass in der JVA Rollkommandos maskierter Wärter systematisch randalierende Gefangene misshandelten und in akuten Notfällen ärztliche Hilfe verweigert worden sei.

Vor dem Rechtsausschuss war es Richstein allerdings schon am Montag gelungen, diese nun wiederholten Vorwürfe zu entkräften. Die Existenz von Rollkommandos hatte vor den Parlamentariern auch der Vorsitzende des Gefängnisbeirates, Kuno Ragel, in Abrede gestellt. Einräumen musste die Ministerin allein, dass einem herzkranken, in der Nacht vom 13. auf den 14. Januar randalierenden Häftling ärztliche Hilfe verweigert worden war. Der Rechtsausschuss entlastete Richstein am Montag einhellig. Allerdings wirft der PDS-Rechtsexperte Stefan Sarrach Richstein mittlerweile vor, dem Ausschuss Informationen vorenthalten zu haben. Er hat Akteneinsicht beantragt. "Bizarr" sei die Aufregung. "Die Affäre um den Strafvollzug scheint der Ministerin zu entgleiten."

Auch die SPD hatte zunächst moniert, dass Richstein viel zu spät über den Fall informiert worden sei und den Ausschuss nicht in Kenntnis gesetzt habe. Zweifel an der Dienstaufsicht stehen im Raum. Schon im vorigen Jahr wurden aus dem größten Gefängnis des Landes Skandale publik. Die Führung der Vollzugsabteilung jedoch ist nach einem dreiviertel Jahr gerade erst wieder kommissarisch besetzt. Dass Wärter sich in Brandenburg bei Einsätzen maskierten, hatte Richstein erst durch den RRB-Beitrag erfahren - und die Sturmmasken verboten. Am Donnerstag musste sie einräumen, was sie zunächst bestritten hatte: Solche Masken gab es auch in den anderen Anstalten des Landes. Sie seien aber nicht benutzt worden.

Wie sehr die Ministerin trotz gegenteiliger Behauptungen dem eigenen Apparat misstraut, zeigt sich in ihrer ersten Reaktion auf den mutmaßlichen Skandal: Bereits vorige Woche leitete sie gegen sieben Bedienstete Disziplinarverfahren ein. Fünf wurden vom Dienst suspendiert. Am Montag löste sie den JVA-Leiter ab. Die Staatsanwaltschaft ist angewiesen, alle seit 1994 von Häftlingen gegen Bedienstete erstatteten Anzeigen von einem eingesetzten Sonderprüfer noch einmal aufrollen zu lassen. Auch in der Union nehmen die Zweifel zu, ob die Ministerin dem Umgang mit der Affäre gewachsen ist.

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Vermummte Wärter // Prügel-Skandal: Das TV-Magazin Klartext berichtet am 5. Mai über angebliche Übergriffe ver- mummter Wärter gegen Insassen der JVA Brandenburg/Havel. Der Bericht löst einen Skandal sowie umfangreiche Untersuchungen aus.

Konsequenzen: Bislang wurden gegen acht JVA-Bedienstete Disziplinarverfahren eingeleitet. Fünf Wärter wurden vom Dienst suspendiert, JVA-Leiter Hermann Wachter abgelöst. Ehemaliges DDR-Anstaltspersonal wird erneut überprüft.

Todesfälle: Von 1995 bis 2004 gab es in der JVA Brandenburg/Havel laut Justizministerium 20 Todesfälle. Es gab demnach acht Suizide, zwölf Insassen starben eines natürlichen Todes, Fremdeinwirkung wurde nicht festgestellt.


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