LEIPZIG, 9. August. Bis Freitag will Claudia
Iyiaagan noch ein paar Unterlagen sortieren und wenige Sachen packen:
"Waschzeug, T-Shirts, zwei, drei Hosen." Dabei wird es ein Abschied
für ein halbes Jahr. Claudia Iyiaagan geht ins
Gefängnis. Sie weigert sich, rund 1 000 Euro Anwalts- und
Gerichtskosten für ein Verfahren zu übernehmen, das
sie verloren hat. "Wenn ich bei Rot über die Ampel fahre,
zahle ich", sagt die frühere Sportlehrerin, "aber nicht in
diesem Fall."
Den Fall entschied das Leipziger Landgericht
im Dezember. Iyiaagan hatte einen Internet-Ausdruck der Seite
www.dieterbaumann.de im Rathaus verteilt, mit Informationen
über den dort geschätzten Chef des Vereins
Städtepartnerschaft Leipzig und Addis Abeba: "Professor
Winfried Schäker aus Leipzig reicherte Kaugummis und Zahnpasta
mit anabolen Steroiden an, um sie doping-unwilligen Athleten
verabreichen zu können." Die Richter urteilten, das sei
unwahr, Iyiaagan habe des Professors Ehre verletzt.
Nun hat Schäker
tatsächlich eine weniger ehrenwerte Berufsbiografie - und
ebensolche Ansichten dazu. Der Professor nämlich versetzte
keine Zahnpasta, dafür Kaugummi; zwar nicht mit Anabolika,
aber mit einem Neurohormon. Schäker war 1989
Chef-Hormonforscher am geheimen Forschungsinstitut für
Körperkultur und Sport (FKS) für den
DDR-Spitzensport. Er entwickelte leistungssteigernde Substanzen mit,
etwa das Anabolikum STS 646, nie zugelassen und dennoch massenhaft an
junge Athleten verabreicht. Sein Spezialgebiet: nervales Doping. In
seiner Habilitation empfahl er Kaugummi und Pillen mit dem Hormon
Oxytocin - in diversen Aromen, damit die Athleten die angeblichen
Vitamintabletten auch schluckten. Doch wegen Körperverletzung
belangt werden konnte nur, wer Schäkers Erfindungen
verabreicht hatte - also Trainer und Ärzte. Schäker
verbrachte einige Jahre in Addis Abeba. Seine Forschungsarbeit
könne man ihm "doch nicht vorwerfen", meinte Schäker
nach dem Urteil gegen Iyiaagan.
"Alte Blockademuster"
Iyiaagan kennt so etwas, und sie kann keinen
Kompromiss mehr schließen. Nach 1990 sorgte sie in einer
Kommission für die Kündigung belasteter Lehrer und
erlebte, wie viele sich in den Schuldienst zurückklagten. In
mehreren Jobs, etwa zur Betreuung von Asylbewerbern, legte sie sich mit
Behörden an: "Zu viele alte Blockademuster", sagt sie. Im Jahr
2000 wurde Iyiaagan von der Schulverwaltung gekündigt.
Vielleicht ist man nach derlei Erfahrungen besonders frei. Oder
besonders gebunden. Manchmal liegt das nahe beieinander. Um die
Hintergründe ihrer Kündigung zu klären,
stellte Iyiaagan zahlreiche Anträge auf Akteneinsicht. Die
Sächsische Staatsregierung setzte daraufhin einen
Sonderbetreuer zur Aufwandsreduzierung ein - das allerdings ist ein
"rechtswidriges Vorgehen", wie der Datenschutzbeauftragte des
Freistaats kürzlich rügte.
Iyiaagan verschreckte auch
Verbündete, in der Birthler-Behörde, in
Opfer-Verbänden. Das Berliner Bürgerbüro
erwog trotzdem, mit einer Geldspende die Gefängnisstrafe
abzuwenden. Die 58-Jährige lehnte ab. Verständlich
findet das Geschäftsführer Jens Planer-Friedrich:
"Eine Zahlung muss in ihren Augen einem Schuldeingeständnis
gleich kommen." Iyiaagan hofft dennoch. Sie zeigte Schäker an,
wegen Abgabe einer falschen Eidesstattlichen Versicherung.
Schäker hatte erklärt, dass er "keine Dopingmittel an
Athleten" verabreichte. "Woher weiß man das?", fragt
Iyiaagan. "Außerdem behauptet das der Internet-Ausdruck gar
nicht." Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
Der inkriminierende Satz steht bis heute
unangefochten auf der Internetseite. Winfried Schäker mag
darüber "nicht mehr sprechen". Am Freitag wird aller
Voraussicht nach ein Gerichtsvollzieher Claudia Iyiaagan in die
Justizvollzugsanstalt Chemnitz einliefern. Zwar will sie
Aufklärung und nicht Haft. "Aber ich habe nichts zu verlieren."