Der Tag von Ernst Augustin beginnt in aller Herrgottsfrühe. Halb sechs
ist es, wenn der Leiter des allgemeinen Vollzugsdienstes im Männerhaus
seine Häftlinge das erste Mal zu Gesicht bekommt. Duschen, Frühstück,
Freigang, Mittagessen. . . Am Ende der Woche stehen da 41 Stunden auf
dem Stundenzettel. Offiziell. Inoffiziell sind es schon lange viel
mehr, denn in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Gelsenkirchen wurde durch
das Land NRW im Männerhaus seit 2004 ein Viertel des Personals
abgezogen, obwohl die Anzahl der Häftlinge mit rund 600 gleich
geblieben ist. Hinzu kommt: Der Krankenstand der Mitarbeiter liegt
schon länger überdurchschnittlich hoch bei rund 20 Prozent. Dass
zwischen beiden Phänomenen ein Zusammenhang besteht, da besteht für
Ernst Augustin kein Zweifel. „Die Kollegen müssen ja ständig extra
Wochenend- und Nachtschichten schieben. Das frustet natürlich.”
Etwas vorsichtiger drückt sich Volker Wingerten aus. Der Leiter der JVA
Gelsenkirchen nennt es „eine angespannte Situation”, in der sich das
Haus befinde. „Wir erfüllen natürlich alle notwendigen Aufgaben”, die,
sagt Wingerten, zunächst die Sicherheit beträfen. „Die muss ja
gewährleistet sein.”
Was aber bei nur noch rund 150 von vorher 200 Mitarbeitern im
Männervollzug nicht mehr gewährleistet ist, ist persönliche Betreuung,
Ansprechbarkeit, Sonderprojekte für die Häftlinge. „Wir mussten
Besuchszeiten einschränken.” Was das konkret für die Haftbedingungen
bedeutet, dafür findet Barbara Filthaus vom Beirat der JVA klare Worte.
„Die Häftlinge können mit so einer dünnen Personaldecke nur noch
verwahrt werden. Von Resozialisierung kann nicht mehr die Rede sein.”
Nicht aktzeptabel, findet Filthaus. „Das sind doch Menschen, die
irgendwann wieder unsere Nachbarn sind!”
Und die Gewalt in der Anstalt? „Die Zahl der angezeigten Straftaten ist
konstant”, sagt Wingerten. Wiewohl: „Wir führen ja viele Gespräche mit
den Häftlingen”, sagt Filthaus. „Die Stimmung ist schlecht, vieles wird
nicht ausgesprochen.” Hinzu kommt, dass es nicht ausreichend
Einzelzellen für die Häftlinge gibt. „Die sind zwar gesetzlich
vorgesehen, die Realität sieht aber anders aus”, sagt Wingarten. Im
Frauenhaus werden wegen der chronischen Überbelegung mehrere Betten in
eine Zelle gestellt. „Es geht nicht anders”, sagt Leiterin Ute Krause.
Von einem Pulverfass, wie es der Beirat befürchtet, möchte Wingerten
nicht sprechen. „Noch geht es”, sagt er. |
|
Nicht
nur im Frauenhaus werden schon lange,
natürlich gesetzwidrig, mehrer Betten in eine Zelle gestellt. Auch im
Männerhaus gibt es kaum noch Einzelzellen. Merkwürdig, am 4.3.2009
brachte der
WDR einen Bericht über diese JVA. Dort öffnete ein Beamter der JVA eine
Zelle
für das Filmteam. Es handelte sich um eine Einzelzelle. Ein Zufall?
Auch die WAZ veröffentlichte am 9.12.2008 ein Foto. Was zeigte dies?
Natürlich
ebenfalls (ganz zufällig?) eine Einzelzelle. Fast hat man den Eindruck,
als
hätte die JVA extra eine Einzelzelle für die Presse zurückgehalten.
Im Männerknast gibt es auch Viermannzellen. Bei Eröffnung der JVA
existierte
nicht eine einzige Viermannzelle. Diese wurden alle (gesetzwidrig)
nachträglich
geschaffen, in dem man einfach weitere Betten und Schränke in die
Zellen
brachte. Damit wurde natürlich auch (ebenfalls gesetzwidrig) die
Gesamtbelegungszahl nach oben geschraubt. Und dabei steht im
Strafvollzugsgesetz nicht nur, dass den Gefangenen die Einzelzelle
zusteht,
sondern auch dass Überbelegungen verboten sind.
Bei Veröffentlichung dieses Artikels war noch nicht bekannt, dass die
JVA
einige Wochen danach richtig in die Schlagzeilen gerät, und Ende
Februar 2009
der Leiter der JVA gehen muss.
|