Die unappetitlichen Nachrichten aus der JVA Gelsenkirchen reißen nicht
ab. Nachdem jüngst ein Mitarbeiter suspendiert worden war, weil er
angeblich mit deren Einverständnis pornographische Aufnahmen von
weiblichen Gefangenen angefertigt und sie dann eigenmächtig ins
Internet gestellt hat, erfuhr die WAZ jetzt, dass dies der
Anstaltsleitung schon seit Monaten bekannt gewesen sein soll.
„Gemeldet wurde der Vorfall der Anstaltsleitung schon Anfang Oktober
2008, und zwar aus der Mitarbeiterschaft heraus”, erklärt eine
Mitarbeiterin, die aus Angst vor negativen Konsequenzen für ihren
Arbeitsplatz anonym bleiben möchte. Man habe den Verantwortlichen
mitgeteilt, dass ein Mitarbeiter Bilder von einer weiblichen Gefangenen
angefertigt und sie dabei begrabscht habe. (Zumindest letzteres soll so
vorher nicht passiert und Grund für die Meldung gewesen sein.) Damals
sei den Betreffenden von der Anstaltsleitung gesagt worden, „man wolle
den Fall erstmal beobachten”. „Derjenige hat aber weiter gearbeitet wie
immer”, sagt die Mitarbeiterin.
Ein Ex-Gefangener (Name d. Red. bekannt), der erst kürzlich aus der JVA
entlassen wurde, bestätigt. „In der Anstalt wussten alle von dem
Mitarbeiter. Der hat die Pornos ja schon seit Jahren gemacht.” Der
Leiter der JVA Gelsenkirchen spricht von anderen Daten. „Uns wurde der
Vorfall am 22. Dezember 2008 bekannt.” Und: „Erfahren haben wir davon
durch eine andere JVA, nicht anstaltsintern.”
In den Verdacht der Vertuschung war die JVA Gelsenkirchen bereits bei
dem Vorfall eines mutmaßlichen Missbrauchs im März 2008 geraten, der
stark an die Vorfälle in Siegburg erinnerte. Damals sollen zwei
Häftlinge in einer Vierer-Zelle einen Mithäftling mehrfach sexuell
genötigt und schließlich zum Selbstmord aufgefordert haben. Einer
breiten Öffentlichkeit bekannt wurde der Vorfall erst Monate später –
durch die Presse. Landesjustizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter
(CDU) betonte damals, von einem Vergleich mit Siegburg könne nicht die
Rede sein. „Es drängt sich der Verdacht auf, dass ein Skandal
inszeniert werden soll”, so die Ministerin am 31. Dezember 2008 in der
WAZ.
Was da angeblich so skandalös inszeniert wurde, darüber gibt die
Anklageschrift gegen die beiden Beschuldigten einigen Aufschluss, die
der WAZ vorliegt. Danach sollen die beiden Angeschuldigten den
Geschädigten zunächst über Stunden mehrfach aggressiv und unter
Anwendung von Gewalt zu sexuellen Handlungen genötigt haben. Weiter
heißt es in der Anklageschrift:
„Anschließend nahm der Angeschuldigte ein etwa zwei Meter langes
Stromkabel und legte es dem Geschädigten um den Hals, so dass es den
Rücken hinunterhing. (...) Der Geschädigte verharrte in panischer
Angst. Der Angeschuldigte führte ihn sodann zum Fenster und forderte
ihn auf, sich aufzuhängen. Andernfalls drohte er ihm an, ihm dabei zu
,helfen'.”
Mithäftling ging dazwischen
Nur die Tatsache, dass der vierte Mithäftling in der Zelle, laut
Anklageschrift ebenfalls Opfer mehrfacher sexueller Nötigung,
dazwischen ging, habe Schlimmeres verhindert, so das offizielle
Dokument der Staatswanwaltschaft. „Eine wirklich lebensbedrohliche
Situation hat es auch nach der vorliegenden Anklageschrift zu keinem
Zeitpunkt gegeben”, äußerte Ministerin Piepenkötter dazu im Dezember
2008 in der WAZ.
Dass Vorfälle von sexueller Nötigung, auch Vergewaltigungen in der JVA
Gelsenkirchen keine Einzelfälle seien, behauptet dagegen der oben
bereits zitierte Ex-Häftling, der sich zurzeit in der Resozialisation
befindet. „Das gehört zum Alltag und wird von den Verantwortlichen
wohlweislich nicht öffentlich gemacht. Stattdessen wird Druck auf
Mitarbeiter und Häftlinge ausgeübt, dass sie mit Repressalien rechnen
müssen, wenn sie davon was nach draußen dringen lassen”, erklärt der
38-Jährige.
Personalmangel und hoher Krankenstand
Die seit Monaten sehr schlechte Stimmung in der Anstalt, den
Personalmangel und ungewöhnlich hohen Krankenstand in der Belegschaft,
hatte der Leiter der JVA Ende 2008 öffentlich beklagt.
Inzwischen hat auch die Politik auf die Vorfälle hinter den Mauern
reagiert. Günther Brückner (CDU), Gelsenkirchener Stadtverordneter und
im Beirat der JVA, hat ein Krisentreffen mit Mitarbeitern und Betreuern
der JVA noch für Februar anberaumt, um sich „ein genaues Bild von der
Lage zu machen”. Das Justizministerium hat sich für März angekündigt.
Prozessauftakt in dem mutmaßlichen Missbrauchsfall ist am 31. März vor
dem Landgericht Essen. |