Das Gefängnis, das 1994 in Betrieb genommen wurde, gilt als eines der
sichersten in der Bundesrepublik. Trotzdem gelangen die Gefangenen Michael
Heckhoff (50) und Peter Paul Michalski (46) durch fünf verschlossene Türen mit
einem Schlüssel in den abgeschotteten Pfortenbereich für Kraftfahrzeuge. Hier
reißen die Verbrecher einen JVA-Bediensteten zu Boden, fesseln ihm die Hände auf
den Rücken und knebeln ihn. Die Täter erbeuten zwei Pistolen mit jeweils acht
Schuss Munition. „Waffen und Munition befinden sich getrennt voneinander in
einem Tresor”, sagt JVA-Leiterin Reina Blikslager.
Der gefesselte Beamte ist verwirrt, wird ins Krankenhaus gefahren. Die beiden
Täter flüchten zuerst zu Fuß. Dann kapern sie ein Taxi, zwingen den Fahrer, in
Richtung Köln zu fahren. In Kerpen-Buir wechseln sie die Droschke, nehmen den
ersten Taxi-Fahrer mit. Das Quartett braust bis vor den Kölner Hauptbahnhof.
Hier lassen die Ausbrecher ihre Geiseln am Donnerstag gegen 22 Uhr frei und
rennen in die Altstadt.
Hubschrauber über NRW
Hubschrauber kreisen über NRW. Zahlreiche Hinweise gehen ein. Eine junge Frau
wird von zwei Männern gezwungen, sie von Köln nach Essen zu fahren. Dort bleibt
der Wagen stehen. Spritmangel. Vermutlich die Ausbrecher, so die Polizei am
Abend.
Die ununterbochene Berichterstattung über die Flucht im Rundfunk verfehlt
ihre Wirkung nicht. In ganz Westdeutschland werden die beiden Ausbrecher
zeitgleich gesichtet. Auch in Hagen. Dort geht ein Mitarbeiter der Bundespolizei
auf Nummer Sicher, als er in einer S-Bahn, die von Düsseldorf kommend nach Hagen
unterwegs ist, die beiden Verdächtigen gesehen haben will. Um 18.53 Uhr stehen
alle Züge in und nahe des Hagener Hauptbahnhofes still. Die S-Bahn mitten im
Hauptbahnhof, wie der Hagener Polizeisprecher Ewald Weinberger berichtet. Ein
SEK-Einsatzkommando durchsucht Gleise, Züge, jeden Winkel des Bahnhofs.
Geordnetes Chaos
Was folgt, ist „ein geordnetes Chaos”, wie Ralf Augner die Evakuierung des
Hauptbahnhofes beschreibt. Augner betreibt im Bahnhof einen Tabakladen. „Alles
ging ganz schnell. Kurz nach 19 Uhr waren alle raus.” Gemeinsam mit seiner Frau
Evelyn hart er mit rund 300 weiteren Personen in der Kälte aus.
Den Tag über hat Augner die Informationen zu den Ausbrechern im Radio
verfolgt. „War ja irgendwie klar, dass sie in Hagen landen”, übt er sich in
Galgenhumor. Augner hat schon so manche Räumung wegen herrenloser Koffer
mitgemacht. „Aber so etwas habe ich noch nie erlebt.”
Rüdiger Horn (47) aus Olpe war auf dem Weg nach Braunschweig. Er telefoniert
mit Bekannten und teilt ihnen mit, dass er heute wohl nicht mehr ankommen wird.
Er wirkt angespannt. „Die Bahn hätte ja zumindest irgendjemand schicken können,
damit wir erfahren, was los ist und wann es endlich weiter geht. Aber wie immer
passiert mal wieder nichts.”
Die Ruhe selbst Jochen Bühmcker (44) ist die Ruhe selbst. Er raucht, hört Musik aus seinem
MP3-Player. „So etwas kenne ich aus Berlin”, sagt er. Der Wochenendpendler
beruhigt ganz nebenbei eine alte Dame, die ihre Tochter abholen wollte.
Aufgeregt wirkende Schüler sprechen in ihre Handys, versuchen, ihre Eltern zu
beruhigen.
Eine Stunde später stellt sich heraus, dass es sich um einen Fehlalarm
gehandelt hat. Ein 53 Jahre alter Hagener, den man für einen der Ausbrecher
gehalten hat, war kurzzeitig festgenommen worden und ist mittlerweile wieder auf
freiem Fuß.
Die Suche nach den beiden Ausbrechern geht weiter. Kenner der Szene gehen
davon aus, dass das Untertauchen des Duos bereits vorbereitet war. Das
Hauptproblem liege jetzt in der Geldbeschaffung. Denn das Leben in der
Anonymität sei „sehr, sehr teuer”. Wenn es keine Hintermänner gäbe, seien
Beschaffungsstraftaten nicht auszuschließen. Die Polizei warnt die Bürger, gegen
die Ausbrecher vorzugehen: „Sie sind bewaffnet, gewalttätig und unberechenbar.”
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