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1999.07.27
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Todesgefahr in Zelle 128

Todesgefahr in Zelle 128

Ein aidskranker Raubmörder in lebenslanger Haft droht damit, Wachleute mit dem tödlichen Virus anzustecken

Zärtlich streicht Ulrich Schlicher über das farbenfrohe Etikett. Millenniumsekt, Gut Hohrainhof, handgeschüttelt, steht auf der Flasche. Die Trauben haben Gefangene aus Baden-Württemberg gepflückt. Seit 1939 gehört der Weinberg zum Besitz der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Heilbronn. Die Idee zum Tausender-Tropfen kam dem Anstaltsleiter im Urlaub. Sektlaune will trotzdem nicht aufkommen.

Der Grund lebt im Stockwerk unter Schlichers Büro: Rainer Meiser*, Raubmörder, lebenslange Haft, aidskrank. „Der droht, zwei, drei Leute anzustecken und mit in den Tod zu nehmen“, berichtet Schlicher düster. Nervös zucken seine grauen Brauen. „Wir nehmen die Sache sehr ernst.“ In welchem Stadium sich Meisers Krankheit befindet, weiß niemand genau. Seit Jahren verweigert er Ärzten den Zutritt zur Zelle. Infiziert haben will er sich bei seiner früheren Ehefrau.

Mit festem Schritt marschieren vier Wachleute den Westflügel entlang. Zweimal in der Woche müssen sie die Zelle 128 W, die „sicherste im Haus“, auf gefährliche Gegenstände durchsuchen. Meiser wird in die Nebenzelle gesperrt.

Die Vollzugsbeamten tragen Overalls wie zum Einsatz gegen militante Demonstranten, dazu hohe Stiefel, Handschuhe, Helme mit Visier und Nackenschutz, Schlagstöcke und durchsichtige Schilde. Eine martialische Rüstung auch gegen die innere Unruhe. „Die Angst ist immer da“, sagt einer von ihnen. „Bei der ersten Gelegenheit steckt der uns an.“ Ein anderer: „Das ist keine leere Drohung. Der weiß genau, was er will.“

Ein Kollege schwebte drei Wochen lang zwischen Hoffen und Bangen, als Meiser ihn mit blutigem Speichel bespuckt hatte. Das war vor einem Jahr. Der Wachmann hatte Glück – nicht angesteckt. „Nur keine Routine aufkommen lassen“, mahnt Ernst Steinbach, der Leiter des uniformierten Dienstes. „Das macht leichtsinnig.“

470 Häftlinge sitzen im überbelegten Heilbronner Gefängnis ein. Keiner ist wie der in Zelle 128 W. „Mit normalen Maßstäben ist der Mann nicht messbar“, sagt JVA-Chef Schlicher. „Ein Riesenproblem.“ Der 47-Jährige tritt, schlägt, bespuckt Wände und Wächter. Er plant Attacken mit Rasierklingen, Scherben und Würgeschlingen. In Untersuchungshaft in Stuttgart soll er eine Geiselnahme vorbereitet haben. Das Drosselwerkzeug dazu hatte er schon versteckt.

„Wir wissen nie, was uns hinter der Tür erwartet“, beschreibt ein hoch gewachsener Wachmann die tägliche Ausnahmesituation. Meiser schreie „wie wahnsinnig“, beschimpfe die Vollzugsbeamten als „Arschlöcher“, „Wichser“ oder „KZ-Schergen“. Oder er uriniert in die Suppenschüssel. „Der hat keine Perspektive mehr, dem ist alles egal“, vermutet ein ehemaliger Mithäftling. „Der wird auch in Zukunft nicht nachgeben.“

Meisers Ermittlungsakte liest sich wie das Inhaltsverzeichnis des Strafgesetzbuchs: Raub- und Rohheitsdelikte, Unterschlagung, Körperverletzung, Nötigung, Geldfälschung, Hehlerei, Beleidigung, Freiheitsberaubung, Schusswaffengebrauch usw. Ein Staatsanwalt bezeichnete Meiser als „einen hoch kriminellen Menschen, der sich gewissenlos über andere Interessen hinwegsetzt“.

1978 verurteilten die Richter „den latent aggressiven Meiser“ (Schlicher) wegen Geldfälschungs- und Raubdelikten zu neuneinhalb Jahren Freiheitsstrafe. 1989 kamen wegen Hehlerei noch einmal 22 Monate hinzu. Zuletzt verdonnerte man ihn zu 15 Monaten Haft wegen gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung. Meiser hatte im Knast randaliert. 1996 erhielt er „lebenslänglich“ wegen Raubmords an einem alten Gärtnerehepaar.

Seit sechs Monaten verweigert Meiser nun den Hofgang. „Gott sei Dank“, entfährt es Schlicher. Auch beim Spazierengehen im Freien müssten ihn vier Wächter in voller Schutzmontur flankieren. Stattdessen hockt Meiser tagelang „völlig abgesondert“ in der Einzelzelle. Verwandte hat er keine. Nur einmal im Monat kommt ein Mitarbeiter der Heilbronner Aidshilfe zu Besuch und schenkt ihm 50 Mark für die Kaffeekasse. Allein in der Zelle, schreibt Meiser Briefe an Hilfsorganisationen. Oder hält sich mit Liegestützen und Hanteltraining fit. Häftling 128 W bleibt kampfbereit. Keine Spur von körperlichem Verfall.

Vorsichtig entriegelt ein Wachmann die Klappe in der schweren Eisentür. Die Beamten nennen das „Türöffnen unter besonderer Beachtung des Eigenschutzes“. Dann muss sich Meiser mit dem Gesicht nach unten auf das Bett legen, wird, die Hände auf dem Rücken, an den Handgelenken gefesselt und von vier Männern mit Schild in die Nebenzelle geschoben. Heute ist er ruhig.

„Wir rechnen aber immer mit dem Schlimmsten“, sagt Anstaltsleiter Ulrich Schlicher. Drei Anträge auf Meisers Verlegung in ein anderes Gefängnis, den letzten vor einem halben Jahr, hat er bereits gestellt. Allesamt wurden sie vom Stuttgarter Justizministerium abgelehnt. Dort heißt es: Die Heilbronner haben das im Griff. Schlicher weiß: „Den will niemand.“

Was bleibt, ist eine „enorme Mehrbelastung für das Personal“. Als Meiser vor zweieinhalb Jahren von der U-Haft in Stuttgart nach Heilbronn verlegt wurde, sei es schwer gewesen, überhaupt Leute für den Spezialeinsatz zu finden, erinnert sich Schlicher. Inzwischen wechseln die 130 Wachleute durch – schweigen und verdrängen. Oberster Wachmann Ernst Steinbach klagt: „Das Ministerium müsste mehr machen, um die Ängste meiner Leute abzubauen.“

Die Zelle 128 W ist armselig: zwei Tische, Klo, Bett, Stuhl, ein Karton mit Aktenordner, Radio, Fernseher, ein paar Gläser Instantkaffee, Rasierpinsel in der alten Eiscremebox, drei Bananen, Plastiklöffel, Heizkocher. Acht Quadratmeter Grundfläche, zwei Meter bis zur Decke. Schweißgeruch hängt in dem kleinen Raum. In die gelb getünchte Wand hat Meiser ein Hakenkreuz und die Buchstaben „KZ HN“ (KZ Heilbronn) gegraben. Das Ziel des Vollzugs scheint „für ihn unerreichbar“, urteilt Anstaltsleiter Schlicher, zu groß sei der „Hass auf Gesellschaft und Justiz“. Meiser fühle sich unschuldig verfolgt. „Der hat die Tat nie gestanden.“

In einem spektakulären Indizienprozess im März 1996 hatten die Stuttgarter Landrichter den damals 43-Jährigen zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen Raubmords verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Meiser als „führender Täter“ in der Nacht zum 14. Juli 1994 ein Gärtnerehepaar in Stuttgart-Rot überfallen hat. Dabei sei die 74-jährige Frau an einem Pullover, der als Knebel diente, erstickt und der 79-jährige Mann lebensgefährlich verletzt worden, als ihn Meiser brutal mit einer Pistole niederschlug. Die Beute bestand aus „Münzgeld in unerheblicher Höhe“. 28 Zeugen und drei Sachverständige waren damals geladen.

Erst die Fernsehfahndung der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY – ungelöst“ hatte die Polizei zu Meiser geführt. Nach der Ausstrahlung des nachgestellten Falles meldete sich ein anonymer Anrufer. Zwar suchte die Kripo zu diesem Zeitpunkt noch nach einem Täterpaar, stieß durch den Tipp jedoch auf Rainer Meiser. Der stritt alles ab und erklärte, zur Tatzeit mit einem Bekannten das Halbfinalspiel der Fußball-Weltmeisterschaft verfolgt zu haben. Das Alibi platzte.

An der Verhandlung wollte Rainer Meiser nicht teilnehmen. Um dies zu erreichen, bespuckte und beschimpfte er die Richter und legte in seiner Zelle im Landgericht Feuer. Auch behauptete er, im fortgeschrittenen „Stadium III C“ aidskrank zu sein und deshalb nur noch eine Lebenserwartung von zwei oder drei Jahren zu haben. Ein anderes Mal schlief er, nur mit der Unterhose bekleidet und an eine Krankentrage gefesselt, im Gerichtssaal ein.

Das Wachpersonal hat das Bettzeug, alle Ecken und Ritzen der Zelle durchsucht und sogar die nackte Neonröhre unter der Decke abgeschraubt. Gefunden hat man nichts. Die vier Männer schieben Meiser zurück in die Zelle. Während sich der Schlüssel im Schloss dreht, weicht die Anspannung von den Gesichtern. Diesmal ist alles gut gegangen. Erleichtert meint Anstaltsleiter Schlicher: „Ist das nicht ein abwechslungsreicher Job?“ Die Frage ist offenbar rhetorisch gemeint.

KRIMINELLE KARRIERE

DIE ANGST VOR DEM VIRUS

Seit 1997 sitzt der aidskranke Rainer Meiser in der JVA Heilbronn in Haft. Seine Wächter schützen sich mit Spezialausrüstung vor Angriffen.

DER RAUBMÖRDER

Der mehrfach vorbestrafte Mann wurde 1996 vom Stuttgarter Landgericht zu lebenslanger Haft verurteilt.


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