Zärtlich streicht Ulrich Schlicher über das farbenfrohe Etikett. Millenniumsekt,
Gut Hohrainhof, handgeschüttelt, steht auf der Flasche. Die Trauben haben
Gefangene aus Baden-Württemberg gepflückt. Seit 1939 gehört der Weinberg zum
Besitz der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Heilbronn. Die Idee zum
Tausender-Tropfen kam dem Anstaltsleiter im Urlaub. Sektlaune will trotzdem
nicht aufkommen.
Der Grund lebt im Stockwerk unter Schlichers Büro:
Rainer Meiser*, Raubmörder, lebenslange Haft, aidskrank. „Der droht, zwei, drei
Leute anzustecken und mit in den Tod zu nehmen“, berichtet Schlicher düster.
Nervös zucken seine grauen Brauen. „Wir nehmen die Sache sehr ernst.“ In welchem
Stadium sich Meisers Krankheit befindet, weiß niemand genau. Seit Jahren
verweigert er Ärzten den Zutritt zur Zelle. Infiziert haben will er sich bei
seiner früheren Ehefrau.
Mit festem Schritt marschieren vier Wachleute
den Westflügel entlang. Zweimal in der Woche müssen sie die Zelle 128 W, die
„sicherste im Haus“, auf gefährliche Gegenstände durchsuchen. Meiser wird in die
Nebenzelle gesperrt.
Die Vollzugsbeamten tragen Overalls wie zum Einsatz
gegen militante Demonstranten, dazu hohe Stiefel, Handschuhe, Helme mit Visier
und Nackenschutz, Schlagstöcke und durchsichtige Schilde. Eine martialische
Rüstung auch gegen die innere Unruhe. „Die Angst ist immer da“, sagt einer von
ihnen. „Bei der ersten Gelegenheit steckt der uns an.“ Ein anderer: „Das ist
keine leere Drohung. Der weiß genau, was er will.“
Ein Kollege schwebte
drei Wochen lang zwischen Hoffen und Bangen, als Meiser ihn mit blutigem
Speichel bespuckt hatte. Das war vor einem Jahr. Der Wachmann hatte Glück –
nicht angesteckt. „Nur keine Routine aufkommen lassen“, mahnt Ernst Steinbach,
der Leiter des uniformierten Dienstes. „Das macht leichtsinnig.“
470
Häftlinge sitzen im überbelegten Heilbronner Gefängnis ein. Keiner ist wie der
in Zelle 128 W. „Mit normalen Maßstäben ist der Mann nicht messbar“, sagt
JVA-Chef Schlicher. „Ein Riesenproblem.“ Der 47-Jährige tritt, schlägt, bespuckt
Wände und Wächter. Er plant Attacken mit Rasierklingen, Scherben und
Würgeschlingen. In Untersuchungshaft in Stuttgart soll er eine Geiselnahme
vorbereitet haben. Das Drosselwerkzeug dazu hatte er schon
versteckt.
„Wir wissen nie, was uns hinter der Tür erwartet“, beschreibt
ein hoch gewachsener Wachmann die tägliche Ausnahmesituation. Meiser schreie
„wie wahnsinnig“, beschimpfe die Vollzugsbeamten als „Arschlöcher“, „Wichser“
oder „KZ-Schergen“. Oder er uriniert in die Suppenschüssel. „Der hat keine
Perspektive mehr, dem ist alles egal“, vermutet ein ehemaliger Mithäftling. „Der
wird auch in Zukunft nicht nachgeben.“
Meisers Ermittlungsakte liest sich
wie das Inhaltsverzeichnis des Strafgesetzbuchs: Raub- und Rohheitsdelikte,
Unterschlagung, Körperverletzung, Nötigung, Geldfälschung, Hehlerei,
Beleidigung, Freiheitsberaubung, Schusswaffengebrauch usw. Ein Staatsanwalt
bezeichnete Meiser als „einen hoch kriminellen Menschen, der sich gewissenlos
über andere Interessen hinwegsetzt“.
1978 verurteilten die Richter „den
latent aggressiven Meiser“ (Schlicher) wegen Geldfälschungs- und Raubdelikten zu
neuneinhalb Jahren Freiheitsstrafe. 1989 kamen wegen Hehlerei noch einmal 22
Monate hinzu. Zuletzt verdonnerte man ihn zu 15 Monaten Haft wegen gefährlicher
Körperverletzung und Beleidigung. Meiser hatte im Knast randaliert. 1996 erhielt
er „lebenslänglich“ wegen Raubmords an einem alten Gärtnerehepaar.
Seit
sechs Monaten verweigert Meiser nun den Hofgang. „Gott sei Dank“, entfährt es
Schlicher. Auch beim Spazierengehen im Freien müssten ihn vier Wächter in voller
Schutzmontur flankieren. Stattdessen hockt Meiser tagelang „völlig abgesondert“
in der Einzelzelle. Verwandte hat er keine. Nur einmal im Monat kommt ein
Mitarbeiter der Heilbronner Aidshilfe zu Besuch und schenkt ihm 50 Mark für die
Kaffeekasse. Allein in der Zelle, schreibt Meiser Briefe an Hilfsorganisationen.
Oder hält sich mit Liegestützen und Hanteltraining fit. Häftling 128 W bleibt
kampfbereit. Keine Spur von körperlichem Verfall.
Vorsichtig entriegelt
ein Wachmann die Klappe in der schweren Eisentür. Die Beamten nennen das
„Türöffnen unter besonderer Beachtung des Eigenschutzes“. Dann muss sich Meiser
mit dem Gesicht nach unten auf das Bett legen, wird, die Hände auf dem Rücken,
an den Handgelenken gefesselt und von vier Männern mit Schild in die Nebenzelle
geschoben. Heute ist er ruhig.
„Wir rechnen aber immer mit dem
Schlimmsten“, sagt Anstaltsleiter Ulrich Schlicher. Drei Anträge auf Meisers
Verlegung in ein anderes Gefängnis, den letzten vor einem halben Jahr, hat er
bereits gestellt. Allesamt wurden sie vom Stuttgarter Justizministerium
abgelehnt. Dort heißt es: Die Heilbronner haben das im Griff. Schlicher weiß:
„Den will niemand.“
Was bleibt, ist eine „enorme Mehrbelastung für das
Personal“. Als Meiser vor zweieinhalb Jahren von der U-Haft in Stuttgart nach
Heilbronn verlegt wurde, sei es schwer gewesen, überhaupt Leute für den
Spezialeinsatz zu finden, erinnert sich Schlicher. Inzwischen wechseln die 130
Wachleute durch – schweigen und verdrängen. Oberster Wachmann Ernst Steinbach
klagt: „Das Ministerium müsste mehr machen, um die Ängste meiner Leute
abzubauen.“
Die Zelle 128 W ist armselig: zwei Tische, Klo, Bett, Stuhl,
ein Karton mit Aktenordner, Radio, Fernseher, ein paar Gläser Instantkaffee,
Rasierpinsel in der alten Eiscremebox, drei Bananen, Plastiklöffel, Heizkocher.
Acht Quadratmeter Grundfläche, zwei Meter bis zur Decke. Schweißgeruch hängt in
dem kleinen Raum. In die gelb getünchte Wand hat Meiser ein Hakenkreuz und die
Buchstaben „KZ HN“ (KZ Heilbronn) gegraben. Das Ziel des Vollzugs scheint „für
ihn unerreichbar“, urteilt Anstaltsleiter Schlicher, zu groß sei der „Hass auf
Gesellschaft und Justiz“. Meiser fühle sich unschuldig verfolgt. „Der hat die
Tat nie gestanden.“
In einem spektakulären Indizienprozess im März 1996
hatten die Stuttgarter Landrichter den damals 43-Jährigen zu einer lebenslangen
Haftstrafe wegen Raubmords verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass
Meiser als „führender Täter“ in der Nacht zum 14. Juli 1994 ein Gärtnerehepaar
in Stuttgart-Rot überfallen hat. Dabei sei die 74-jährige Frau an einem
Pullover, der als Knebel diente, erstickt und der 79-jährige Mann
lebensgefährlich verletzt worden, als ihn Meiser brutal mit einer Pistole
niederschlug. Die Beute bestand aus „Münzgeld in unerheblicher Höhe“. 28 Zeugen
und drei Sachverständige waren damals geladen.
Erst die Fernsehfahndung
der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY – ungelöst“ hatte die Polizei zu Meiser
geführt. Nach der Ausstrahlung des nachgestellten Falles meldete sich ein
anonymer Anrufer. Zwar suchte die Kripo zu diesem Zeitpunkt noch nach einem
Täterpaar, stieß durch den Tipp jedoch auf Rainer Meiser. Der stritt alles ab
und erklärte, zur Tatzeit mit einem Bekannten das Halbfinalspiel der
Fußball-Weltmeisterschaft verfolgt zu haben. Das Alibi platzte.
An der
Verhandlung wollte Rainer Meiser nicht teilnehmen. Um dies zu erreichen,
bespuckte und beschimpfte er die Richter und legte in seiner Zelle im
Landgericht Feuer. Auch behauptete er, im fortgeschrittenen „Stadium III C“
aidskrank zu sein und deshalb nur noch eine Lebenserwartung von zwei oder drei
Jahren zu haben. Ein anderes Mal schlief er, nur mit der Unterhose bekleidet und
an eine Krankentrage gefesselt, im Gerichtssaal ein.
Das Wachpersonal hat
das Bettzeug, alle Ecken und Ritzen der Zelle durchsucht und sogar die nackte
Neonröhre unter der Decke abgeschraubt. Gefunden hat man nichts. Die vier Männer
schieben Meiser zurück in die Zelle. Während sich der Schlüssel im Schloss
dreht, weicht die Anspannung von den Gesichtern. Diesmal ist alles gut gegangen.
Erleichtert meint Anstaltsleiter Schlicher: „Ist das nicht ein
abwechslungsreicher Job?“ Die Frage ist offenbar rhetorisch
gemeint.
KRIMINELLE KARRIERE
DIE ANGST VOR DEM
VIRUS
Seit 1997 sitzt der aidskranke Rainer Meiser in der JVA Heilbronn
in Haft. Seine Wächter schützen sich mit Spezialausrüstung vor
Angriffen.
DER RAUBMÖRDER
Der mehrfach vorbestrafte Mann wurde
1996 vom Stuttgarter Landgericht zu lebenslanger Haft verurteilt.
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