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ES STIRBT SICH LEICHT IM DEUTSCHEN KNAST

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2007.02.21
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Gnadenlos: Tod hinter Gittern

Gnadenlos: Tod hinter Gittern

Sinn des Strafvollzuges ist nicht zuletzt die Resozialisierung des Täters und das heißt: die Täter sollen die Verhaltensregeln der Gesellschaft kennen und akzeptieren lernen. Eberhard Reichert war ein Betrüger und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Aber er war auch tödlich erkrankt - Diagnose Krebs. Vor zwei Wochen starb er nach einem Anfall in der JVA Tegel. Gnadengesuche, Haftprüfungen blieben ohne Erfolg – auch die Bitten um eine bessere medizinische Versorgung. Sein Tod: ein tragischer Einzelfall oder Beleg dafür, dass die Gesellschaft sich kaum noch für ihre Strafgefangenen interessiert?

Der Berliner Justiz-Skandal hat Konsequenzen: Nachdem KLARTEXT die Unterschlagung von Medikamenten aufgedeckt hatte, gibt es nun neue Dienstvorschriften, einen neuen Staatssekretär und eine Arbeitsgruppe, die die Vorfälle aufklären soll. Inzwischen sorgt ein neuer Vorfall für Aufregung, ausgelöst durch den Tod eines Gefangenen in der JVA Tegel. Einige Monate vor seinem Tod - da war er schon schwerkrank - hatte er sich bei meiner Kollegin Gabi Probst gemeldet. Die beiden schrieben sich und telefonierten. Er beklagte sich über die schlechten Haftbedingungen. Vor die Kamera wollte er damals aber noch nicht, weil er noch ein Gerichtsurteil abwarten wollte. Nun ist es zu spät.

Heidenheim bei Stuttgart gestern Vormittag. Eberhard Reicherst Tod kam überraschend. Sein letzter Weg führte ihn im Leichenwagen von Berlin in die Heimat, zur Familie.

Mechtild Voltenauer, Schwester
„Bei der Gerichtsmedizin wurde uns mitgeteilt, mein Bruder sei an einem Krampfanfall gestorben. Ich frage mich die ganze Zeit, warum seine
Ohnmachtsanfälle, warum die niemand ernst genommen hat, er hatte 17 davon. Und er hat mir immer wieder gesagt, erst Samstag bevor er gestorben ist, er habe schreckliche Schmerzen und ich habe ihm die Frage gestellt: Warum hilft dir niemand? Und da hat er geantwortet: Wer soll mir denn helfen? Und das macht mich einfach wütend und tot traurig.“


Steffen Tzschoppe, Rechtsanwalt
„Ich kannte ihn seit Ende 2004, lernte ihn schon als erkrankten Inhaftierten kennen. Er wollte mit meiner Beauftragung seine vorzeitige Entlassung aus der Haft erreichen. Das Gnadengesuch ging ausschließlich um den Punkt, er wollte eine adäquate medizinische Versorgung medizinische Versorgung für sich zu erreichen. Nach meiner Ansicht war eine weitere Vollziehung der Haft nicht mehr geboten, da er so schwer krank war, dass es nur sinnvoll gewesen wäre, ihn draußen adäquat zu behandeln.“

Dr. Carsten Phillip, damals Vivantes-Klinikum
„Er suchte Hilfe, das konnte man sehen, er hatte Schmerzen, das konnte man sehen. Also das war für glaubhaft. Für mich war es ein Patient mit einem Lymphamiom dem wir leider nicht so gut helfen konnten, dass er davon wirklich damals profitierte.“

Eberhard Reichert – verurteilt wegen mehrfachen Scheck- und Kreditkartenbetruges – wurde 2003 verhaftet. Mit Tumoren auf der Zunge und im Hals kam er schon behandlungsbedürftig ins Gefängnis nach Moabit, später in die JVA Tegel. An seinen Tumoren – so die Arztberichte wäre er nie gestorben. Dennoch wurde im Mai 2004 eine Operation notwendig. Doch danach verstärkten sich seine Schmerzen. Nerven sollen verletzt worden sein. Ein Schmerztherapheut verschreibt ihm einen Cocktail aus starken Schmerzmitteln, Psychopharmaka und Morphium.

Nach vier Jahren Haft ist Eberhard Reichert mit 55 Jahren gestorben. Gestorben während eines Ohnmacht –und Krampfanfalles.

16 solcher Anfälle hat er dokumentiert – und auch wie mit ihm umgegangen wurde – zum Teil sogar öffentlich. Auszug aus seinen Tagebüchern und Briefen:

JVA Moabit, 29. Oktober 2004
Eberhard Reichert beschwert sich, dass er die Morphine – kurz MST – die ihm ein Schmerztherapeut außerhalb der Anstalt verschrieb, nicht bekommt.
Zitat:
„Heute war ich beim Anstaltsarzt, um die vorgeschlagene Therapie in Angriff zu nehmen. Jedoch weigert sich … (der Arzt) mir das Medikament zu geben, dass laut Dr. El Haj ebenso wichtig für die Schmerztherapie ist, wenn nicht das Wichtigste…“

Dr. Carsten Phillip, damals Vivantes-Klinikum
„Ich habe einmal einen Brief von ihm erhalten, in dem er mich bat, auf die Wichtigkeit der Medikamentengabe hinzuweisen. Und das haben wir getan. Also wir haben das noch mal bestätigt.“

Vier Wochen vergehen noch bis er sein Medikament bekommt. Seine Schmerzen sind groß. Sein Essen wird nur noch püriert.

Steffen Tzschoppe, Rechtsanwalt
„Der konnte ja nichts mehr essen, Hühnersüppchen, alles nur noch schlürfen. Das ist doch keine Lebensqualität mehr.“

Mechtild Voltenauer, Schwester
„Er hat seine Medikamente oft nicht pünktlich bekommen und auch nicht in der richtigen Dosis.“

22.Dezember 2004
Zitat:
„Auf dem Weg in das Haftkrankenhaus (KBV) muss ich dann ohnmächtig geworden sein mit der Folge dass ich eine Treppe hinabstürzte und mir dabei schwerste Kopfverletzungen und Prellungen am ganzen Körper zuzog.“

Steffen Tzschoppe, Rechtsanwalt
„Da war er auch eine ganze Zeit bewusstlos. Da ist ihm später auch mal durch die Blume gesagt worden, er sei ja ohnehin nur ein Simulant.“

Am 27. Dezember 2004 teilt die Anstalt Eberhard Reichert überraschend mit, dass er in die JVA Tegel verlegt wird. Er schreibt dem Anstaltsleiter und bittet wegen seines Ohnmachtsanfalles und seiner Verletzungen um Terminverschiebung. Erfolglos. Die Folgen:

29.12.2004
Zitat:
“Als ich an diesem Tag mein Bewusstsein wieder erlangte, befand ich mich in einem Krankenbett, war dabei mit Händen und Füssen an das [B]ett gefesselt. Auf entsprechende Nachfrage erfuhr ich, dass ich mich auf der Inte[n]sivstation der Humboldt-Klinik befinde, nachdem ich am Vorabend gegen 19 Uhr per Notarzt und bewusstlos eingeliefert worden sei.“

Mechtild Voltenauer, Schwester
“Ich frage mich, wo bleibt die Menschlichkeit, wo bleibt irgendwo noch ein bisschen Respekt vor der Menschenwürde?“

JVA Tegel 10. Februar 2005
Zitat:
„Ich berichte Dr. Thom von meinen nach wie vor unerträglichen Schmerzen, von den Selbstverletzungen, um von den Schmerzen im Zungen- und Halsbereich abzulenken.“

Steffen Tzschoppe, Rechtsanwalt
„Ich habe ihn oft gesehen mit zerkratztem Gesicht, mit zerkratzten Armen, dass er sich selbst zugefügt hat, bloß um die Schmerzen auszuhalten, um so einen gewissen Gegenschmerz zu schaffen.“

Dr. Carsten Phillip, damals Vivantes-Klinikum
„Ich habe nur gesehen, dass Herr Reichert am Unterarm Kratzspuren hatte, auch beim letzten Kontakt, die er offensichtlich sich selbst zugefügt hatte. Das ist nicht ungewöhnlich, wenn Menschen Schmerzen haben, sich selbst Verletzungen zuführen.“

2. März 2005
Eberhard Reichert beschreibt die Nebenwirkungen der schweren Medikamente, mit denen er allein in der Zelle fertig werden muss.
Zitat:
„Mir ist schlecht, ich habe Sprachprobleme…Dazu beginnen überall am Körper Hautveränderungen, größere juckende Stellen an den Beinen und richtige Hautablösungen mit seltsamem Schleim im Genitalbereich… auch an der Lippe und in der Nase offene und aufgeplatzte Stellen...“

Nebenwirkungen und krampfartige Ohnmachtsanfälle, den 16. im September 2006 beschrieb Eberhard Reichert ausführlich in der Gefangenenzeitung. Irgendeine Untersuchung in Richtung Ursachenforschung hätte nicht stattgefunden und es bestünde die Gefahr – so schrieb Reichert - dass er bei einem der Anfälle nicht mehr aufstehen würde, ihn nicht überlebe.

Wie die Justizsenatsverwaltung, die übrigens kein Interview gibt, KLARTEXT mitteilt, habe man diesen Bericht damals gelesen und ausgewertet. Außerdem wurde der Gefangene immer ausreichend medizinisch versorgt.

Dennoch hatte Eberhard Reichert am 11. Februar einen 17. Anfall, ist seine Ahnung ist eingetreten. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

In der Rubrik Todesart habe ich mir nicht getraut hier "normaler Tod" einzutragen. Das ist kein gewöhnlicher Tod mehr. Für diesen unnötigen Todesfall gehören Verantwortliche in den Knast. Gewöhnlich an diesem Todesfall ist nur, dass solche unnötigen Todesfälle im Knast üblich sind. Unterlassene Hilfeleistung und völlig unzureichend Behandlungen sind im deutschen Knast an der Tagesordnung.
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Sammlung von Berichten über Todesfälle in Justizvollzugsanstalten