Der Berliner Justiz-Skandal hat Konsequenzen: Nachdem KLARTEXT die
Unterschlagung von Medikamenten aufgedeckt hatte, gibt es nun neue
Dienstvorschriften, einen neuen Staatssekretär und eine Arbeitsgruppe, die die
Vorfälle aufklären soll. Inzwischen sorgt ein neuer Vorfall für Aufregung,
ausgelöst durch den Tod eines Gefangenen in der JVA Tegel. Einige Monate vor
seinem Tod - da war er schon schwerkrank - hatte er sich bei meiner Kollegin
Gabi Probst gemeldet. Die beiden schrieben sich und telefonierten. Er beklagte
sich über die schlechten Haftbedingungen. Vor die Kamera wollte er damals aber
noch nicht, weil er noch ein Gerichtsurteil abwarten wollte. Nun ist es zu
spät.
Heidenheim bei Stuttgart gestern Vormittag. Eberhard
Reicherst Tod kam überraschend. Sein letzter Weg führte ihn im Leichenwagen von
Berlin in die Heimat, zur Familie.
Mechtild Voltenauer,
Schwester „Bei der Gerichtsmedizin wurde uns mitgeteilt, mein Bruder
sei an einem Krampfanfall gestorben. Ich frage mich die ganze Zeit, warum
seine Ohnmachtsanfälle, warum die niemand ernst genommen hat, er hatte 17
davon. Und er hat mir immer wieder gesagt, erst Samstag bevor er gestorben ist,
er habe schreckliche Schmerzen und ich habe ihm die Frage gestellt: Warum hilft
dir niemand? Und da hat er geantwortet: Wer soll mir denn helfen? Und das macht
mich einfach wütend und tot traurig.“
Steffen Tzschoppe,
Rechtsanwalt „Ich kannte ihn seit Ende 2004, lernte ihn schon als
erkrankten Inhaftierten kennen. Er wollte mit meiner Beauftragung seine
vorzeitige Entlassung aus der Haft erreichen. Das Gnadengesuch ging
ausschließlich um den Punkt, er wollte eine adäquate medizinische Versorgung
medizinische Versorgung für sich zu erreichen. Nach meiner Ansicht war eine
weitere Vollziehung der Haft nicht mehr geboten, da er so schwer krank war, dass
es nur sinnvoll gewesen wäre, ihn draußen adäquat zu
behandeln.“
Dr. Carsten Phillip, damals
Vivantes-Klinikum „Er suchte Hilfe, das konnte man sehen, er hatte
Schmerzen, das konnte man sehen. Also das war für glaubhaft. Für mich war es ein
Patient mit einem Lymphamiom dem wir leider nicht so gut helfen konnten, dass er
davon wirklich damals profitierte.“
Eberhard Reichert – verurteilt
wegen mehrfachen Scheck- und Kreditkartenbetruges – wurde 2003 verhaftet. Mit
Tumoren auf der Zunge und im Hals kam er schon behandlungsbedürftig ins
Gefängnis nach Moabit, später in die JVA Tegel. An seinen Tumoren – so die
Arztberichte wäre er nie gestorben. Dennoch wurde im Mai 2004 eine Operation
notwendig. Doch danach verstärkten sich seine Schmerzen. Nerven sollen verletzt
worden sein. Ein Schmerztherapheut verschreibt ihm einen Cocktail aus starken
Schmerzmitteln, Psychopharmaka und Morphium.
Nach vier Jahren Haft ist
Eberhard Reichert mit 55 Jahren gestorben. Gestorben während eines Ohnmacht –und
Krampfanfalles.
16 solcher Anfälle hat er dokumentiert – und auch wie mit
ihm umgegangen wurde – zum Teil sogar öffentlich. Auszug aus seinen Tagebüchern
und Briefen:
JVA Moabit, 29. Oktober 2004 Eberhard Reichert
beschwert sich, dass er die Morphine – kurz MST – die ihm ein Schmerztherapeut
außerhalb der Anstalt verschrieb, nicht bekommt. Zitat: „Heute war ich
beim Anstaltsarzt, um die vorgeschlagene Therapie in Angriff zu nehmen. Jedoch
weigert sich … (der Arzt) mir das Medikament zu geben, dass laut Dr. El Haj
ebenso wichtig für die Schmerztherapie ist, wenn nicht das
Wichtigste…“
Dr. Carsten Phillip, damals
Vivantes-Klinikum „Ich habe einmal einen Brief von ihm erhalten, in
dem er mich bat, auf die Wichtigkeit der Medikamentengabe hinzuweisen. Und das
haben wir getan. Also wir haben das noch mal bestätigt.“
Vier Wochen
vergehen noch bis er sein Medikament bekommt. Seine Schmerzen sind groß. Sein
Essen wird nur noch püriert.
Steffen Tzschoppe,
Rechtsanwalt „Der konnte ja nichts mehr essen, Hühnersüppchen, alles
nur noch schlürfen. Das ist doch keine Lebensqualität
mehr.“
Mechtild Voltenauer, Schwester „Er hat seine
Medikamente oft nicht pünktlich bekommen und auch nicht in der richtigen
Dosis.“
22.Dezember 2004 Zitat: „Auf dem Weg in das
Haftkrankenhaus (KBV) muss ich dann ohnmächtig geworden sein mit der Folge dass
ich eine Treppe hinabstürzte und mir dabei schwerste Kopfverletzungen und
Prellungen am ganzen Körper zuzog.“
Steffen Tzschoppe,
Rechtsanwalt „Da war er auch eine ganze Zeit bewusstlos. Da ist ihm
später auch mal durch die Blume gesagt worden, er sei ja ohnehin nur ein
Simulant.“
Am 27. Dezember 2004 teilt die Anstalt Eberhard Reichert
überraschend mit, dass er in die JVA Tegel verlegt wird. Er schreibt dem
Anstaltsleiter und bittet wegen seines Ohnmachtsanfalles und seiner Verletzungen
um Terminverschiebung. Erfolglos. Die
Folgen:
29.12.2004 Zitat: “Als ich an diesem Tag mein
Bewusstsein wieder erlangte, befand ich mich in einem Krankenbett, war dabei mit
Händen und Füssen an das [B]ett gefesselt. Auf entsprechende Nachfrage erfuhr
ich, dass ich mich auf der Inte[n]sivstation der Humboldt-Klinik befinde,
nachdem ich am Vorabend gegen 19 Uhr per Notarzt und bewusstlos eingeliefert
worden sei.“
Mechtild Voltenauer, Schwester “Ich frage
mich, wo bleibt die Menschlichkeit, wo bleibt irgendwo noch ein bisschen Respekt
vor der Menschenwürde?“
JVA Tegel 10. Februar
2005 Zitat: „Ich berichte Dr. Thom von meinen nach wie vor
unerträglichen Schmerzen, von den Selbstverletzungen, um von den Schmerzen im
Zungen- und Halsbereich abzulenken.“
Steffen Tzschoppe,
Rechtsanwalt „Ich habe ihn oft gesehen mit zerkratztem Gesicht, mit
zerkratzten Armen, dass er sich selbst zugefügt hat, bloß um die Schmerzen
auszuhalten, um so einen gewissen Gegenschmerz zu schaffen.“
Dr.
Carsten Phillip, damals Vivantes-Klinikum „Ich habe nur gesehen, dass
Herr Reichert am Unterarm Kratzspuren hatte, auch beim letzten Kontakt, die er
offensichtlich sich selbst zugefügt hatte. Das ist nicht ungewöhnlich, wenn
Menschen Schmerzen haben, sich selbst Verletzungen zuführen.“
2.
März 2005 Eberhard Reichert beschreibt die Nebenwirkungen der schweren
Medikamente, mit denen er allein in der Zelle fertig werden
muss. Zitat: „Mir ist schlecht, ich habe Sprachprobleme…Dazu beginnen
überall am Körper Hautveränderungen, größere juckende Stellen an den Beinen und
richtige Hautablösungen mit seltsamem Schleim im Genitalbereich… auch an der
Lippe und in der Nase offene und aufgeplatzte
Stellen...“
Nebenwirkungen und krampfartige Ohnmachtsanfälle, den 16.
im September 2006 beschrieb Eberhard Reichert ausführlich in der
Gefangenenzeitung. Irgendeine Untersuchung in Richtung Ursachenforschung hätte
nicht stattgefunden und es bestünde die Gefahr – so schrieb Reichert - dass er
bei einem der Anfälle nicht mehr aufstehen würde, ihn nicht überlebe.
Wie
die Justizsenatsverwaltung, die übrigens kein Interview gibt, KLARTEXT mitteilt,
habe man diesen Bericht damals gelesen und ausgewertet. Außerdem wurde der
Gefangene immer ausreichend medizinisch versorgt.
Dennoch hatte Eberhard
Reichert am 11. Februar einen 17. Anfall, ist seine Ahnung ist eingetreten.
Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.
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